Neulich stieß ich auf eine Seite, auf der jemand Welpen mit "Testzertifikat" anpries. Ich habe mir dann mal so ein Zertifikat durchgelesen und anhand von einigen Tests wurde dort mehr oder weniger garantiert, dass der Welpe A bestimmt mal ein prima Begleiter für eine ganz wilde Familie mit vielen Kindern werden wird und Welpe B eher zu einer Einzelperson sollte, die ihm Nasenarbeitsaufgaben stellt.

Als ich vor vielen Jahren einen Hund bekam, habe ich auch eine Art "Tagebuch" mitbekommen. Daraus ging hervor, welcher Welpe zuerst die Augen geöffnet hat, welcher am Einfachsten zu entwöhnen gewesen ist und wer im Alter von 28 Tagen wie viele Kästchen in 120 Sekunden auf einer karierten Tischdecke gekrabbelt ist. Ich fand das ganz interessant, habe aber nicht den Hund ausgesucht, der der Krabbelkönig war. Und trotzdem war er der Richtige.

Was will man überhaupt mit einem Welpentest erreichen?

Der Test soll Auskunft über die Qualitäten und Anlagen junger Hunde geben und helfen, für jedes Tier einen geeigneten Besitzer zu finden. Im Grunde kein verkehrter Ansatz. Dennoch sind die meisten Welpentests nur bedingt aussagekräftig. Ein Urteil über die weitere Entwicklung eines sechs bis sieben Wochen alten Welpen zu wagen, ist Kaffeesatzleserei. Man stelle sich vor, jemand ginge im Kindergarten hin und würde Dreijährige testen und dann bekäme jedes Kindergartenkind ein Zertifikat und eine Aussage darüber, wie fleißig es mal in der Schule wird, ob es später im Job besser eine Führungskraft oder ein Mitarbeiter ist und wie intelligent es mal wird. Manche Tests gehen noch weiter (siehe oben) und prophezeien dass der Dreijährige später am Besten mal Bäcker, Kampfschwimmer oder Herzchirurg werden sollte. Das klingt albern? Stimmt! Das aber genau versucht ein Welpentest.

Zudem haben viele der Anbieter keinen blassen Schimmer von wissenschaftlichen Studien und den Faktoren, die es da zu berücksichtigen gilt. Eine Bewertung erfordert immer einen ganz objektiven Beobachter und sehr eindeutige Kriterien. Bei den Karos auf der Tischdecke mag das noch noch klappen, aber wenn ein Züchter selbst beurteilen soll, welcher seiner Schützlinge am enthusiastischsten hinter einem Bällchen hergerannt ist - dann ist er niemals objektiv. Er kennt doch seine Pappenheimer. Er weiß doch, welcher Welpe sonst immer sehr aktiv wirkte und wenn er dann im Test weniger Punkte bekommen müsste, dann schreibt der Züchtern gern trotzdem viele auf, denn "normalerweise wäre das hier anders gelaufen."

Wie laufen Welptentests ab?

Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Hier folgen mal die üblichen Verdächtigen:

Prägungstest

Der Welpe wird in einen ihm fremden Raum, zur ihm fremden Testperson gebracht. Die Testperson schaut sich nun das Erkundungsverhalten an, lockt den Welpen zu sich, streichelt ihn und animiert ihn zum nachlaufen. Ein Welpe, der fröhlich durch die Gegend rennt, alles beschnüffelt und sich dann auch noch willig und vergnügt auf die Testperson einlässt, schneidet im „Prägungstest“ gut ab. Ob er das gleiche fröhliche Verhalten vier Wochen später im Einkaufszentrum, im Garten der Oma oder in der Welpenschule immer noch drauf hat, steht auf einem anderen Blatt. 

Familie A vom Wirbelwind beim Nachlaufen. Was für eine Gaudi sowas doch sein kann, wenn man mal den Auswertungsblock beiseite legt.

Über eine „Prägung“ des Welpen erfährt der Tester rein gar nichts. Zwar wird Hunden in den ersten Lebenswochen eine „Prägephase“ nachgesagt. Im verhaltensbiologischen Sinne „prägen“ lassen sich Hunde aber nicht. „Prägung“ bedeutet, dass in einem Tier eine genetische Vorgabe existiert, die bewirkt, dass das Tier gegenüber einem ganz bestimmten Reiz automatisch in ganz bestimmter Weise reagiert. So wie die bekannten Konrad-Lorenz-Gänse. Gänseküken bringen eine genetische Vorgabe mit, strikt dem ersten großen, beweglichen Objekt zu folgen, das sie nach dem Schlupf erblicken. Natürlicherweise ist das die Gänsemutter, doch wenn Gänseküken anstelle der Mutter einen Menschen erblicken, folgen sie fortan ihm. Hunde funktionieren anders. Dennoch hat es schon Leute gegeben, die kleine Welpen unter die Dusche setzten, „um sie auf Wasser zu prägen“. Arme Hunde! Es wäre richtiger, beim Hund nicht von „Prägung“ bzw. „Prägung und Sozialisierung“, sondern nur von „Sozialisierung“ zu sprechen. Sozialisierungsprozesse lassen sich im Nachhinein weiter beeinflussen. Ein Welpe, der im „Prägungstest“ gut abschneidet, kann ein Welpe auf einem guten Weg in Richtung Sozialisierung sein, aber kein irgendwie „geprägter“ oder ähnlich beurteilbarer. Sozialisierung ist sehr wichtig für Hunde. Deshalb gibt es auch eine weitere Teststrategie.

Sozialisierungstest

Dabei rollt die Testperson den Welpen auf den Rücken und hält ihn fest, bzw. hebt den Welpen hoch. Damit soll geprüft werden, „wie gut der Welpe sozialisiert ist“ und eine Aussage darüber gemacht werden „wie ‚dominant‘ der Hund einmal wird“ oder „wie bereitwillig sich der Hund unterwirft“. Auch diese Methode ist unwissenschaftlich und sinnlos.

Welche Rolle Dominanz spielt, ist derzeit sehr umstritten. Wer sich hier schlau lesen möchte zu einem Status der Forschung, dem empfehle ich sehr gern das Buch "Dominanz - Tatsache oder fixe Idee" von Barry Eaton. Er stellt neue Forschungsergebnisse und Theorien vor und vermittelt eine alternative Sichtweise des Themas Dominanz. Er stellt infrage, dass es überhaupt Hunde gibt, die eine höhere Position innerhalb ihres „Menschenrudels“ anstreben. Am Ende bittet er darum zumindest in Erwägung zu ziehen, dass es vielleicht andere Ansichten über Rangordnung im Rudel gibt und Hunde kein Komplott mit dem Ziel schmieden, die Menschheit zu beherrschen!

Peppino interessiert das mit der Dominanz überhaupt nicht. Er mag am Bauch gekrault werden!

„Sozialisierung“ gibt es aber immerhin und natürlich ist sie wichtig. Allerdings hat ein Welpe mit sechs Wochen gerade die ersten wichtigen Schritte darin unternommen. Im besten Fall hat der Welpe bereits gelernt, dass Manipulationen durch Menschenhand „nichts Schlimmes“, bzw. sogar „sehr schön“ sind. Im schlechtesten Fall hat er damit keine Erfahrung, ist aber zu überwältigt, um etwas anderes als „Ergebenheit“ zu zeigen. Beides sagt nichts über das angeborene Wesen oder die Anlagen aus, sondern ist eher eine Standortbestimmung in einem Lernprozess. Vor allem lassen sich die beiden Fälle eigentlich kaum unterscheiden, so dass selbst eine Standortbestimmung nicht wirklich möglich ist.

Objekt-Test

Gleichermaßen fragwürdig wird bei genauerer Betrachtung der „Objekt-Test“, bzw. „Test auf optische Reize“. Hierbei wird der Welpe mit ihm unbekannten Gegenständen konfrontiert. Rennt er hin, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen, hineinzubeißen und herumzutragen, kann er punkten. Sitzen und gucken bedeutet eine negative Wertung.

Buffy, der A-Typ

Die Verhaltensbiologie unterscheidet Individuen nach so genannten A-Typen und B-Typen. A-Typen zeigen sich forsch und draufgängerisch, müssen zu allem Neuen sogleich hinrasen und es intensiv erkunden. Sie wirken sehr wach, sind leicht zu begeistern und oft außerordentlich temperamentvoll. B-Typen besitzen ein gewisses Phlegma, beschauen sich die Dinge aus der Distanz und gehen Konflikten häufig aus dem Weg, indem sie sie sprichwörtlich „aussitzen“. Diese „Grundcharaktere“ sind schon bei noch sehr jungen Tieren (im Übrigen auch bei Menschen) deutlich identifizierbar. Die klassischen B-Typen machen im herkömmlichen „Objekt-Test“ aber eher negativ auf sich aufmerksam. Das liegt jedoch am Test, nicht am Hund. Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Schlüsselbund, bzw. einem akustischen Reiz, mit dem die Ängstlichkeit eines Welpen getestet werden soll: In höchstem Grade gelobt wird, wenn der Welpe sich vom Gerassel nicht beeindrucken lässt. Wer allerdings durch nichts zu erschüttern ist, kann auch taub oder sonst wie gestört sein.

Chira beim Objekt-Test, den sie sich ganz alleine ausgedacht hat und bei dem wir niemals Punkte vergeben würden. Außer für Niedlichkeit!

Fazit

Welpentests erlauben keine sicheren Aussagen über die Zukunft. Sie sind in vielerlei Hinsicht überholt und manchmal sogar gefährlich. Zum Beispiel wenn das Prädikat „Bester im Welpentest“ beim neuen Besitzer zu der Erkenntnis führt, dass man mit diesem Hund „nicht mehr so viel machen muss“, geht der Schuss wahrscheinlich nach hinten los. Es gilt, was schon immer stimmte: Ein fähiger Trainer kann aus einem mittelprächtigen Hund einen Überflieger machen, sein unfähiger Kollege einen hervorragenden Hund zum Versagen prädestinieren. „Professionelle“ Welpentests sind überflüssig. Wichtig ist eine gesunde Umgebung zum Aufwachsen, mit angemessen vielen Reizen und ein Züchter, der sich die Zeit nimmt, die Welpen zu beobachten. Aus ihrem Verhalten im Alltag lassen sich Typen ableiten und das sagt sicher viel mehr darüber aus, welcher Welpe welche zukünftigen Besitzer bekommen soll. Am Ende ist Hundekauf auch eine Sache vom Bauchgefühl. Manchmal sieht man einen Hund, und alle Beteiligten wissen: Die gehören zusammen. Dafür muss man ihn dann nicht mal auf den Rücken rollen. Hunde sind Lebewesen und schon deshalb alles andere als perfekt, gerade im Kleinstkindalter.

Wer Lust hat, dieses Thema wissenschaftlicher aufbereitet und analysiert zu lesen, dem sei dieser Artikel empfohlen: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2327247/.

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